Waldorfpädagogik

Die Waldorfpädagogik verfolgt ein umfassendes Bildungskonzept, das den jungen Menschen in seiner allseitigen Entfaltung berücksichtigt und das soziale Miteinander ebenso fördert wie die individuellen Fähigkeiten. Was den freien Willen des Kindes zur geistigen Durchdringung der Welt und zur Teilnahme am gesellschaftlichen Leben hervorlocken kann, beschäftigt uns jeden Tag aufs Neue.

Entstehung der Waldorfpädagogik

Emil Molt, Besitzer der Zigarettenfabrik "Waldorf-Astoria", befürwortete nach dem Ersten Weltkrieg ein unabhängiges Bildungssystem, das sich von weltanschaulichen, wirtschaftlichen oder politischen Interessen freimachen sollte. Er bat Rudolf Steiner, für die Kinder seiner Angestellten eine Pädagogik auf Grundlage eines Menschenbildes zu entwickeln, welches stattdessen die geistige Individualität des Kindes als höchste Instanz und Ursache der Entwicklung begreift. Gemeinsam gründeten Molt und Steiner dann 1919 die erste freie Schule in Deutschland, die "Freie Waldorfschule Uhlandshöhe". Heute gibt es weltweit 1039 Waldorfschulen, welche die von Steiner begründete Pädagogik in relativer Unabhängigkeit von staatlichen oder wirtschaftlichen Vorgaben stetig weiterentwickeln.

Der ganze Mensch

Die Freie Interkulturelle Waldorfschule Berlin nimmt methodisch den ganzen Menschen in Anspruch, etwa indem sie innerhalb einer Unterrichtseinheit zwischen intellektueller und körperlicher Betätigung rhythmisch wechselt. Außerdem bietet sie zusätzlich zu den üblichen Fächern wie Mathematik, Physik und Geschichte viele praktisch-künstlerische Fächer an wie z.B. Werken, Handarbeit und Gartenbau. Denn die freie Persönlichkeit erschöpft sich nicht im Intellektuellen. Sie nimmt mitfühlend an der Welt und am Leben der Mitmenschen teil und arbeitet tatkräftig an der Verwirklichung ihrer ideellen Ziele. Es ist stets der ganze Mensch, der sich bewegt, sich entwickelt, sich bildet – als denkendes, sprechendes und handelndes Wesen. Ja, der Intellekt seinerseits bedarf zu seiner allseitigen, lebenspraktischen Entwicklung der Betätigung des ganzen Menschen – eine Sichtweise, die immer mehr auch in den Neurowissenschaften ankommt.

Individuelle Entfaltung und Gemeinschaft

Ziel unserer pädagogischen Bemühungen ist die freie und selbstbestimmte menschliche Persönlichkeit. Diese entwickelt sich nicht allein aus individuellen Kräften, sondern stets auch in und an der menschlichen Gemeinschaft. Die Waldorfschule will ein Schutzraum sein, in dem die Schüler*innen noch nicht von den wirtschaftlichen, kulturellen oder politischen Auseinandersetzungen der äußeren Gesellschaft in Anspruch genommen werden, sondern auch ihre sozialen Kompetenzen noch entwickeln dürfen. Die zwischenmenschlichen Erfahrungen, die der junge Mensch während seiner Schulzeit macht, sind ausschlaggebend für sein späteres Selbst- und Menschenbild. In der Waldorfschule bleiben die Schüler*innen von der 1. bis zur 12. Klasse als Klassengemeinschaft zusammen, unabhängig davon, welcher Schulabschluss jeweils erreicht wird. In gemeinsamen Theaterprojekten und Konzerten, auf Monatsfeiern und Studienreisen lernen sie, Leistung stets auch als Zusammenklang unterschiedlichster Individualitäten mit ihren jeweiligen Stärken und Schwächen zu begreifen.

Waldorfpädagogik und Interkulturalität

Die Freie Interkulturelle Waldorfschule Berlin wendet die Methode der Waldorfpädagogik auch auf die Begegnung der Kulturen an. Indem das Kind sich in der bewussten Durchdringung der Kulturerzeugnisse selbst als ein freies Wesen kennenlernen darf, wird es in demjenigen Teil seines Wesens angesprochen und wertgeschätzt, auf dem alle Völkerverständigung beruht - der einmaligen, geistigen Individualität jedes Menschen. Zwang dagegen verhindert diejenige tiefere Verbindung mit Kultur und Sprache, die für ein friedliches Zusammenleben von jedem Einzelnen immer mehr gefordert wird. Nicht Opferung der besonderen Kultur des Einzelnen zu Gunsten einer theoretischen Werte-Gemeinschaft, sondern das wirkliche Ausleben dieser Werte durch die freie Anerkennung des Anderen und seiner jeweiligen Kultur führt Menschen zusammen.

Heilsam ist nur, wenn im Spiegel der Menschenseele sich bildet die ganze Gemeinschaft und in der Gemeinschaft lebet der Einzelseele Kraft.

Rudolf Steiner